Seegel

Der Seegel, in einem malerischen Waldtal am Nordhang des eichsfeldischen Ohm­gebirges nahe der Quelle des Flüsschens Bode gelegen, existierte schon zu Zeiten der römischen Präsenz in Germanien als Durch­gangs­station für Handels­­reisende. Das belegen römische Münzen des 2. und nach­­christ­­lichen Jahr­hunderts, die im vorigen Jahr­hundert gefunden wurden. Wahr­schein­lich war der Platz schon vor dem 4. Jahr­hundert besiedelt. Zunächst war an diesem Ort noch ein Dorf zu finden gewesen, welches aber im Laufe des hohen Mittelalters zur Wüstung wurde.

Im Zuge der Christianisierung des Eichsfeldes entstand hier bald darauf ein kleines Kloster, von dem eventuell die Mission und Kolonisierung des Ohmgebirges ausging. Doch scheint es schon vor der ersten Jahrtausendwende zerstört worden zu sein, denn seine Besitzungen längs der Straße zwischen Kirchohmfeld und Holungen teilten sich dann die Pfarrei zu Kirchohmfeld (damals auch noch Warmohmfeld genannt) und ein hier ansässiges Geschlecht des niederen Adels, das sich nach seinem Stammsitz benannte. Als Mitglieder dieser Familie wurden  im Jahre 1347 Konrad und Herrmann von Segelrode urkundlich erwähnt. Doch dieses Geschlecht starb bald aus und Segelrode (oder Seegel), fiel zusammen mit einen Teil der dazu gehörigen Feldflur im Jahr 1525, nachdem das Dorf und Kloster Seegel im Bauernkrieg zerstört worden war, an die Herrschaft Bodenstein und Adelsborn und damit an deren Inhaber, die (wahrscheinlich edelfreien) Herren, Freiherren und späteren Reichsgrafen von Wintzingerode, in deren Hand es dann bis 1945 verblieb.

Bei der großen Linienteilung der Familie von Wintzingerode im Jahre 1668 fiel der Seegel an die Linie Bodenstein, welche hier später das Hauptvorwerk für den nördlichen Teil des zum Schloss Bodenstein gehörenden Waldes einrichtete, während das weiter westlich gelegene Unterwildungen zum Vorwerk für das Burg Bodenstein als Majorat verbundene Rittergut Tastungen bestimmt wurde. Bei der Teilung der Linie Bodenstein in die Zweige Bodenstein-Tastungen und Ohmfeld-Auleben fiel der Seegel an den gräflichen Zweig Bodenstein-Tastungen.

Das heute noch bestehende Wohnhaus wurde 1790 durch den späteren württem­bergischen Ministerpräsidenten Georg Ernst Levin Graf von Wintzingerode als Haupt­ge­bäude eines Vor­werks für die Land­wirt­schaft des Schlosses Boden­stein errichtet. Ur­sprüng­­lich be­standen neben dem Wohn­haus mit einem kleinen integrierten Wirtschafts­teil noch eine große Scheune, zwei Stall­gebäude und ein Backhaus. Sie waren zusammen mit dem Wohnhaus um einen Hof gruppiert. Diese zugehörigen Wirtschaftsgebäude sind leider nur noch rudimentär (als Fundament-Reste) erhalten.

1879 wurde das Fideikommiss Bodenstein errichtet, dem der Seegel als „Pertinenz“ zugeschlagen wurde. Ab Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Seegel nicht mehr regelmäßig von einem Inspektor bewohnt, sondern stand die meiste Zeit des Jahres leer. Für die Hochsommermonate wurde er dann von Bodenstein herrschaftlich ausgestattet und diente den in der Stadt lebenden Neffen und Nichten des Bodensteiner Schlossherrn (damals Graf Hans von Wintzingerode-Bodenstein) als Sommerwohnsitz. Später wurde es dann an einen Gastwirt vermietet, der hier einen Waldgasthof einrichtete.

Nach der sog. Boden­re­form und der Ver­­trei­­bung der Familie im Jahre 1945 wurde nach einiger Zeit ein Quartier des Staats­­sicherheits­­dienstes auf­­­ge­­­schla­gen, welches mit großem tech­­nischem Auf­­wand aus­gebaut wurde. Durch den Abriss der alten Wirt­­schafts­­­ge­bäude und den Aufbau von mar­ti­alischen Sperr­anlagen wurde der so idyllische Ort in beträcht­lichem Maße ent­­stellt, was durch unschöne Ver­änderungen am erhalten gebliebenen Wohnhaus noch verstärkt wurde. Seit der Wende stand das Gebäude dann leer und drohte zu verfallen.

Das Forsthaus ist das letzte erhaltene Zeugnis einer ganzen Reihe von zum Schloss Bodenstein gehörenden Vorwerken, die das historische Landschaftsbild des Ohmgebirges prägten, aber sämtlich zur DDR-Zeit wegen ihrer Grenznähe abgetragen wurden. Im Jahre 2012 wurde das Forsthaus Seegel nach einer Begutachtung und einem Ortstermin durch das Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie folgerichtig in das Denkmalbuch eingetragen und steht mithin formell unter Denk­mal­schutz. Geplant war zunächst die Sicherung des Gebäudes gegen weiteren Verfall. Sodann soll nach und nach eine Sanierung folgen. Die äußere Gestalt und die innere Struktur des Fachwerkgebäudes soll dabei instandgesetzt, nicht aber verändert werden.
Die Arbeiten gingen bereits recht gut voran. Ende des Jahres 2021 war das Gebäude schon kaum mehr wiederzuerkennen 🙂

s.a.: Wilhelm-Clothar Frhr. von Wintzingerode, „Geschichte der Familie“, Gotha 1913, S. 35 ff.:
„Weit älter, als die heute bestehenden Ortschaften waren einige Siedelungen, deren Platz nur noch gering­fügige Boden­unebenheiten oder Gemarkungs­bezeichnungen andeuten. In erster Linie ist hier Segel zu nennen. Schon zu Beginn unserer Zeit­rechnung scheinen über das Ohm­gebirge, auf der bis in die Neuzeit vielbenutzten Geleit­straße von, der Harz­gegend nach Thüringen die Händler gewandert zu sein und an dem Bodeborn (Quelle der Bode) geruht zu haben. Dort wurden in bedeutender Menge römische Münzen des II. Jahrhunderts gefunden. Auch der Name deutet an, dass dieser Matz schon vor dem IV. Jahr­hundert besiedelt war. Seine Bedeutung für den Verkehr veran­lasste wohl, dass sich dort in frühester christlicher Zeit Mönche niederließen, von dort aus die Christianisierung der Ohmgebirgs­bewohner begonnen wurde.
Das kleine Kloster Segel, dessen Ländereien sich längs der Geleitstraße von Holungen bis Kirchohmfeld er­streck­ten, muss schon vor Ende des X. Jahrhunderts zerstört worden sein. Seine Güter fielen zum kleinen Teil an die Warmohmfelder Kirche, wohl das älteste Pfarrdorf der Herrschaft, und an das bald wieder ver­schwun­dene Adels­­geschlecht von Segelrode (im Jahre 1347 nannten sich nach ihm die Herren Konrad und Hermann Segel). Der Brune­bühl auf dem Grase­forst, die sogenannte Schweden­schanze bei Brehme und die Urben­schanze im Norden, die Matzen­burg, welche angeblich eine der 1073 von den auf­ständi­schen Thüringern und Sachsen zerstörten Zwing­burgen Kaiser Heinrichs IV. gewesen sein soll, im Osten die später Mühlhäuser­burg genannte Berg­spitze gegenüber dem Boden­stein und die, lange vor der Reformations­zeit Graf-Ernst-Burg genannten Wälle oberhalb des Ortes Wintzingerode im Südwesten, schließlich die Befestigungsanlagen auf dem Ohm­berg oberhalb Wehnde und Tastungen im Nord­westen sind in ältesten Zeiten Wallburgen gewesen. Auch Witzungen, ein kleines Dörfchen, das um 1100 zerstört worden war, und die Wüstung Huchelheim sind wahr­schein­lich in vor­christ­licher Zeit gegründet worden.“