Bertrade von Honstein

Georg von Wintzingerode, Sept. 2025

Seinen Vortrag über die Geschichte der Familie von Wintzingerode1 während des Familientages im Jahr 1937, in der er viele männliche Familienmitglieder charakterisierte, schloss Sittig-Wasmuth Frhr. von Wintzingerode-Knorr mit den Worten:

„Wenn ich bei meinen Ausführungen die Ehefrauen der Wintzingerodes nur wenig, und die Wintzingerode-Töchter gar nicht erwähnt habe, so ist das eigentlich falsch und undankbar und nur damit zu begründen, dass es im Rahmen dieses Vortrags nicht möglich war. Ohne die Wintzingerode’schen Frauen existierten wir nicht und die Gute Hälfte unserer Charakter- und sonstigen Eigenschaften stammen von unseren Müttern. Welch hervorragende und tüchtige Frauen die Wintzingerodes bis auf den heutigen Tag gehabt haben2, wissen wir und danken es ihnen. Das Gleiche gilt für die Töchter der Familie von Wintzingerode3.“

Bertrade Gräfin von Honstein, der Ehefrau des Thylo oder Dietrich von Wintzingerode, der um das Jahr 1340 geboren und um das Jahr 1380 jung gestorben ist4, fällt bei der Betrachtung ihrer Vorfahren besondere Beachtung zu, denn sie ist nicht nur historisch die erste Ehefrau eines Wintzingerodes, deren Vorname und auch der Name ihrer Familie be-kannt ist, sondern sie ist auch von herausragender Bedeutung für die Stellung der Familie, denn „das Streben nach sozialem Aufstieg und möglichst nach Verwandtschaft zum König, das Schmid neben den anderen Indikatoren als ausschlaggebend für die Ausprägung des Geschlechterbewußtseins nennt, ist auch bei den Wintzingerode exemplarisch zu beobachten“.5

Mit einigem Recht kann man davon ausgehen, dass Bertrade sehr nah verwandt mit, evtl. sogar eine Tochter des Grafen Heinrich V. von Honstein-Sondershausen (~1290-1356) und der Herzogin Mathilde von Braunschweig und Lüneburg (1294-1356), einer Tochter von Rixa Herzogin von Braunschweig, geb. Prinzessin von Werle (1268-1317) war und damit wiederum von Kaiser Lothar II., den englischen und dänischen Königen, sowie von Heinrich dem Löwen abstammte6. Damit hatten die Wintzingerode eine auch damals nachvollziehbare königliche Abstammung erhalten, die mit zu ihrem besonderen Geblüts- und Geschlechterbewußtsein beitrug. Durch das Konnubium mit den Grafen von Honstein hatten sie darüber hinaus ihren Anspruch auf Ebenbürtigkeit verwirklichen können.

Bertrade von Honstein, die Stammmutter aller späteren Wintzingerodes, wurde um das Jahr 1345 geboren und starb im Jahr 14067. Nach dem Tod ihres Ehemanns, als Witwe des Dietrich (Tylo), „verrückte sie ihren Witwenstuhl“ und heiratete in zweiter Ehe einen Herrn von Königerode, einen Burgmann zu Ho(h)nstein. Ihr Sohn aus dieser ihrer zweiten Ehe, Dietrich von Königerode, starb am 3. Dez 1406 in den Kriegs- und Pestjahren.

Dietrich war demnach durch die beiden Ehen seiner Mutter ein Halbbruder von Hans, gen. „der Scharfensteiner“ von Wintzingerode (~1365-1415), dem Burgmann auf Scharfenstein, Rusteberg und der Allersburg, der zusammen mit sei-nen Söhnen Hans, gen. „Landschaden“, Heinrich (~1386-1440, verh. mit Luike von Hanstein), Hermann und Barthold8, die allesamt recht rauhe Gesellen gewesen sein sollen, im Januar 1410 vom Grafen Dietrich VI. von Honstein zu Heringen (~1326 – ~1395) – für ihre diesem geleisteten und noch zu leistenden treuen Diensten – ein von den Herren von Auleben heimgefallenes wüstes Rittergut in Auleben mit sechs- oder siebeneinhalb Hufen Land zu Lehen erhielt.

Möglicherweise wollten die Grafen von Honstein zu dieser Zeit eine kleine Burg in Auleben bauen und die genannten Ritter als Burgleute einsetzen. Jedenfalls sollten die kampflustigen Brüder als Mannen in einer Fehde gegen die Vettern Ulrich und Heinrich von Honstein zu Klettenberg angeworben werden.9

Die Grafen von Honstein im Spätmittelalter

„Eine Linie der Hohnsteiner Grafen besaß die Grafschaft Heringen. Doch die meisten und besten Güter ihres Landes waren im Besitze des Walkenrieder Klosters. Da verlangte Graf Dietrich VI. von Hohnstein-Heringen (s.o.) als Landesherr den 4. Teil der Jahreseinkünfte jener Klostergüter. Der Abt von Walkenried verweigerte natürlich solche Abgaben. Darauf zog der Graf mit seinen Knechten nach den einzelnen Klostergütern und ließ sie ausplündern. Der Abt beschwerte sich sofort bei dem König Ruprecht (1352-1410), und der befahl den 3 Reichsstädten Goslar, Nordhausen und Mühlhausen mit ihren Reichstruppen gegen den Heringer zu ziehen und ihn zu bestrafen. Diesen Straftrupp hatte der alte Graf Ulrich (Ulman) von Hohnstein-Kelbra (~1320-~1416) zu führen. Nach kurzer Belagerung mußte diese wegen starker Verluste aufgegeben werden. Nun zog der Heringer – es war im Hochsommer 1406 – abermals gegen die Klostergüter, die er jetzt von seinen Kriegsknechten auch in Brand stecken ließ. Erst im nächsten Jahre zog der Hohnsteiner mit dem Reichsheere abermals gegen Heringen, ward aber wieder gezwungen, erfolglos abzuziehen. Dadurch sah sich der Abt in Walkenried genötigt, mit dem Heringer Grafen einen Vergleich einzugehen. Das geschah 1410 im Kloster Ilfeld. Danach erhielt der Graf den 4. Teil der Jahreseinnahmen“.

(1373 erfolgt die Teilung in die Linien Honstein-Heringen-Kelbra (jüngere Linie) und Honstein-Lohra-Klettenberg (ältere Linie). Die Burg Honstein blieb bei der jüngeren Linie. Die ältere Linie residierte fortan auf der Burg Lohra.

1394 teilt sich die jüngere Linie (Heringen-Kelbra) nochmals in die Linien Honstein-Heringen und Honstein-Kelbra. Die Burg Honstein wurde von den beiden Linien gemeinsam bewohnt und verwaltet.)

Doch der unruhige Graf konnte ohne Fehde nicht leben. Weil er glaubte, er sei bei der Teilung der Hohnsteiner Besitzungen im Jahr 1394 zu kurz gekommen, und weil sein Onkel das Reichsheer gegen ihn geführt hatte, verlangte er Recht und Rache. Bald suchte und fand er in den Scharen des Friedrichs von Heldrungen die nötige Unterstützung.10 Diese Truppe, die aus wohlbewaffneten Soldaten und aus Bauern bestand, die mit Mistgabeln und Flegeln bewaffnet waren, kam aus einem Kriegsunternehmen und suchte neue Arbeit. Dieser Flegelrotte wegen wird die 1412 beginnende Fehde „Fleglerkrieg“ genannt.

Graf Dietrich hatte nun seine Leute durch diese Fleglerrotte verstärkt, er drang in das benachbarte Gebiet und ließ des Onkels Dörfer bei Kelbra berauben und verwüsten; dann setzte er seinen Rachezug durch unsere engere Heimat, die doch auch dem Hohnstein-Kelbraer gehörte, fort und zerstörte Diemenrode und Crimderode bei Bösenrode, Grumbach bei Leimbach, Liebichenrode bei Steigerthal, Hunsdorf bei Buchholz, Tütschenrode bei Rüdigsdorf, Harzfeld, Günzdorf, Blicherode und Walerode bei Sachswerfen, Bettlershayn und Wülferode bei Appenrode.

Danach belagerte er die Burg seiner Väter, auf der sein Feind und Onkel Graf Ulrich (Ulman) von Hohnstein-Kelbra (~1320-~1415) wohnte. Durch Verrat gelang es den Belagerern, in finsterer Nacht in die Burg einzudringen und den alten Burgherrn gefangen zu nehmen, während der Sohn entkam. Seine Gemahlin soll ihn an einem Seil durchs Fenster hinabgelassen haben. Er eilte, nur mit einem Hemd bekleidet, nach dem Kloster Ilfeld. Der Abt gab ihm Kleider und ein Pferd, dafür wurde später dem Kloster das Dorf Königerode geschenkt. Der junge Graf floh nach Meißen zum Herzog von Sachsen und klagte den Heldrunger wegen Landfriedens-bruch an. Ein sächsisches Heer eroberte bald Heldrungen, und der Herzog belehnte nunmehr den Grafen von Hohnstein-Kelbra auch mit der Herrschaft Heldrungen. Das geschah 1415. Der oben genannte Friedrich von Heldrungen soll bald nach der Eroberung des Hohnsteines im September 1413 auf einem Raubzuge bei Mackenrode erstochen worden sein. Unsere zerstörten Dörfer wurden nicht wieder aufgebaut. Die nach den benachbarten Dörfern geflohenen Bauern siedelten sich dort an. Nur einige Kirchenruinen erinnern noch an die zerstörten Dörfer.“ 11

1412 / 1420 Die Burg Honstein soll am 15. September 1412 während des Fleglerkrieges eingenommen worden sein. Dietrich von Honstein-Heringen ließ die Burg Honstein durch Heinrich von Heldrungen mit angeworbenen Adeligen, Bauern und Tagelöhnern besetzen, die allgemein als Flegler bezeichnet werden. Grund hierfür war ein Konflikt zwischen den Linien Honstein-Kelbra und Honstein-Heringen. Ulrich von Honstein-Kelbra suchte Schutz beim Landgrafen Friedrich (dem Einfältigen), welcher darauf in die Besitzungen Heinrichs von Heldrungen einfiel.

Graf Dietrich von Honstein-Heringen VI. verkaufte 1412 seine Hälfte der Burg Honstein an Graf Botho von Stolberg. Wie die andere Hälfte der Burg an die Grafen von Stolberg gelangte ist nicht geklärt. Jedoch befand sich die gesamte Burg schon vor 1420 in ihrem Besitz.

1423 Nach langen Auseinandersetzungen um ihre Stammburg Honstein resignierten in diesem Jahr die letzten Vertreter der jüngeren Linie, Graf Heinrich von Honstein-Heldrungen und der Halberstädter Domprobst Ulrich Graf von Honstein die Burg und Grafschaft Honstein zugunsten des Grafen Botho zu Stolberg. Graf Heinrich siedelte sich in Kurbrandenburg an und begründete die Linie Vierraden und Schwedt. Somit bestand nur noch die Linie Honstein-Lohra-Klettenberg (die ältere Linie) am Südharz. 1593 stirbt mit Ernst dem VII. der letzte Graf von Honstein im Alter von 31 Jahren. (Die Linie Vierraden und Schwedt bestand noch weiter bis 1609 fort).“12

Zur Abstammung von Bertrade von Wintzingerode, geb. Gräfin von Honstein

Die Ahnentafel des Königs Ludwig II. von Bayern13 in der u.a. auch dessen Vorfahren aus der Familie der Grafen und Gräfinnen von Honstein14 inklusive ihrer jeweiligen Kekulé-Nummern dokumentiert sind (s. Anh. Abb. 1) dient als Ausgangspunkt der Einordnung der Abstammung der Gräfin Bertrade von Honstein, die eine sehr nahe Verwandte der oben erwähnten Grafen war. Durch den Vergleich der jeweiligen Kekulé-Nummern, ausgehend einerseits aus der Sicht des „Märchenkönigs“ Ludwig II. und andererseits aus der Sicht der Wintzingerode-Genealogie ergibt sich folgendes Bild:

Graf Dietrich V. von Honstein-Heringen (1306-1379), ein Cousin des zunächst als Vater vermuteten Heinrich V. Graf von Honstein-Sondershausen, der in erster Ehe (seit 1326) mit Gräfin Adelheid von Holstein-Rendsburg verheiratet war, bevor er einige Jahre nach deren Tod in zweiter Ehe die wesentlich jüngere Sophie, Tochter von Magnusdem Frommen“ Herzog von Braunschweig heiratete. Ihre gemeinsame Tochter Agnes von Honstein-Heringen (1361-1404), eine Halbschwester von Bertrade, heiratete 1377 Christian V. Graf von Oldenburg)

Bertrade war demnach die jüngste Tochter aus der im Jahre 1326 geschlossenen ersten Ehe des Grafen Dietrich V. von Honstein-Heringen (1306-1379) mit der Gräfin Adelheid von Holstein-Rendsburg (1209-1349).

1 s. https://www.wintzingerode.net/wp-content/uploads/2021/06/Vortrag-1937.pdf
2 s. gesonderter Artikel über die Frauen und Töchter der Familie von Wintzingerode (z.B. haben auch Hedwig von Veltheim, die Ehefrau von Adolf Ernst von Wintzingerode und Marie von Wirsing, die Ehefrau von Ferdinand III. von Wintzingerode royale Vorfahren. (i.d.Zshg. müssten eigentl. z.B. auch exemplarisch Familienmitglieder der Gelehrtenfamilie Bernoulli und auch die Familie von Thomas Mann genannt werden)
3 zu den Nachkommen von Töchtern der Familie gehören u.a. der heutige König Willem-Alexander der Niederlande, und auch Zar Nikolaus II. zählt eine (mittelalterliche) Tochter der Familie von Wintzingerode zu seinen Vorfahren
4 s.a. Wilhelm-Clothar Frhr. von Wintzingerode „Geschichte der Familie im Mittelalter“, Perthes 1913, S. 148 ff. und S. 166, dort mit der Nummer (39) bezeichnet s.a. (Ohm) Eberhard von Wintzingerode „Stammbaum der Familie von Wintzingerode“, Göttingen 1848 (Nr. 24)
5 Dr. Jobst Graf von Wintzingerode „Geblüt – Herrschaft – Geschlechterbewusstsein“, (Studienarbeit WS 2001/2002) S. 16
6 s.a. https://de.wikipedia.org/wiki/Stammliste_von_Hohnstein
7 s.a. Wilhelm-Clothar Frhr. von Wintzingerode „Geschichte der Familie von Wintzingerode im Mittelalter“, Perthes 1913, S. 142, 143, 150, 180
8 Die ältestese Schwester Sophie (geb. ~1410) dieser Brüder heiratete Albrecht von Brandenstein, den Bruder von Katharina, der Mätresse und späteren Ehefrau von Wilhelm „dem Tapferen“ (1425-1482) Herzog von Sachsen (https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_III._(Sachsen)
9 s.a. https://de.wikipedia.org/wiki/Fleglerkrieg (Fleglerkriege u.a. in der Goldenen Aue (1412-1415) (die Linie des Geschlechts der Grafen von Honstein zu Heringen-Kelbra hatte sich 1394 nochmals in die Linien Honstein-Heringen und Honstein-Kelbra geteilt)
10 https://www.regionalmuseum-bfh.de/heldrunger-raubritter
11 https://nordhausen-wiki.de/wiki/Heimatb%C3%BCchlein_der_Grafschaft_Hohnstein_im_Kreise_Ilfeld_(S%C3%BCdharz) Wilhelm Vahlbruch: Heimatbüchlein der Grafschaft Hohnstein, Crimderode 1927 (Selbstverlag)
12 https://www.hohnsteiner-mittelalterverein-ev.de/die-grafen-von-honstein
13 Wolfgang Reimar, Ahnentafel des Königs Ludwig II. von Bayern, Blätter des bayrischen Landesverbandes für Familienkunde, Degener-Verlag 1997
14 die Eltern der Brüder Dietrich V. und Ulrich (Ulman) III. Grafen von Honstein, Graf Dietrich III. von Honstein und seine Ehefrau Elisabeth Gräfin von Waldeck sind lt. fabpredigree (fabpedigree.com/s068/f206253.htm) sog. Schlüsselahnen und Vorfahren von z.B. Albert von Sachsen (dem Ehemann von Queen Victoria), Winston Churchill, Lady Diana, Königin Margarethe von Dänemark, dem „roten Baron“ u.v.a.